Dorota Retterath: „Schaut, sie transformiert gerade!“
Die vielgeklickte Influencerin will die Wechseljahre greifbar machen. Und verwandelte sich in der Lebensmitte selbst zu einer Frau, die durchaus auch Stacheln hat.

Hi, ich bin Doro, 51 Jahre alt, seit 24 Jahren verheiratet, habe zwei Kinder, bin Autorin des Blogs „Nowshine“, Influencerin und habe mit meiner Freundin Berenike Binder das virtuelle „Menocafé" gegründet. Ich lebe in Wuppertal und bin seit elf Jahren in der Postmenopause.
Wie alles begann: Mit 40 bin ich mir sicher, eine unheilbare Krankheit zu haben. Google tippt auf einen Gehirntumor, denn mir ist schwindelig, ich schlafe zu viel, kann mir keine Namen merken und mich auch nicht mehr immer an die korrekte Rechtschreibung erinnern. Ich laufe von Arzt zu Arzt, bekomme gleich zwei MRTs – beide unauffällig. Manchmal zittern meine Hände, als ob ich unterzuckert wäre. Doch Diabetes habe ich nicht, sagt meine Hausärztin. Ich gehe zum Orthopäden, zum Neurologen, zum HNO – niemand findet etwas. Ich bin entweder weinerlich oder gereizt, ständig unzufrieden, habe Watte im Kopf, Worte fehlen mir, die Welt dreht sich – und ich mag meinen Mann nicht mehr. Ich bin ein bisschen aggro, ein bisschen depri. Und ich habe Angst. Manchmal sogar Panikattacken. Mein Herz stolpert.
Schockmoment: Meine Hormone waren kaum messbar.
Es ist eine wilde Zeit für mich, auf die ich so gar keinen Bock habe. Ich fühle mich krank, auch wenn ich nicht krank bin. Auf jeden Fall bin ich nicht mehr belastbar, also kündige ich meinen Job. Ich will nur eins: eine Diagnose. Meine Mutter sagt, ich solle mal meine Hormone checken lassen – vielleicht seien es die Wechseljahre. Ich bin 40 Jahre alt und sowas von empört. Wechseljahre?! Ich sehe Bilder vor meinem inneren Auge, die unsere Gesellschaft (damals in 2014) mit den Wechseljahren verbindet: Seniorinnen. Das haben doch Frauen ab 55 oder 60, aber doch nicht ich! Auch wenn ich mich selbst nicht mehr wieder erkenne, so bin ich doch immer noch „hot“ und nicht alt.
Trotzdem gehe ich zu meiner Gynäkologin – ich weiß ja nicht mehr weiter. Doch sie winkt ab. Wechseljahre? Viel zu jung. Irgendwann tut sie es doch – sie nimmt mir Blut ab. Die gute Nachricht: Es sind nicht die beginnenden Wechseljahre. Die schlechte: Mit denen habe ich nichts mehr am Hut, sagt sie. Ich bin mit der Menopause fertig. Es tut ihr sehr leid für mich. Meine Hormone sind kaum messbar. Ich höre ihre Worte und es fühlt sich an, als sei etwas in mir gestorben. Auf jeden Fall meine Jugendlichkeit, meine Schönheit, meine Sexyness. Ich habe damals wirklich so gedacht.
Die Kreativität der Frau kommt nicht aus den Eierstöcken
Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nichts über die Wechseljahre. Ich habe mich nie damit beschäftigt. Nie mit jemandem darüber gesprochen. Meine Mutter erzählt mir erst jetzt, dass sie mit Mitte/Ende 40 eine Hormonersatztherapie gemacht hat (damals noch nicht bioidentisch). „Meine Wunderpille", nennt sie sie. Und ich? Ich hatte keine Ahnung.
Seit ich 41 bin, nehme ich bioidentische Hormone. Und es geht mir gut. Sehr gut. Gleichzeitig mache ich mich selbstständig. Ich werde Bloggerin, nehme erste Aufträge als Influencerin an. Ich schreibe, ich fotografiere, ich gestalte meine Website, ich habe Ideen – ich bin zum ersten Mal in meinem Leben richtig kreativ. Wäre das alles ohne die Wechseljahre auch passiert? Wohl nicht. Man sagt, die Kreativität einer Frau käme aus ihren Eierstöcken. Meine sind klein und verkümmert, kaum noch im Ultraschall erkennbar. Und doch geben sie mir jeden Tag neue Ideen. Ich blute vielleicht kein Blut mehr, aber ich blute Freude, Glück, Liebe und Kreativität.
Selbstfürsorge: Heute bestehe ich auf einen Orgasmus
Irgendwann schreibe ich meine ersten Blog-Posts über meine vorzeitige Menopause – und bekomme riesiges Feedback. Als hätten meine Leserinnen nur darauf gewartet, dass eine den Anfang macht. Mein Leben hat sich mit den Wechseljahren völlig verändert. Davor war ich eine Frau, die versucht hat, eine gute Mutter und liebe Ehefrau zu sein, das Essen pünktlich auf dem Tisch, die sich nicht beschwert hat, wenn der Mann seine Arbeit dem gemeinsamen Abendessen vorgezogen hat, die nie viel verlangt und ihre Karriere zu Gunsten der Familie aufgegeben hat. Ich war glatt, rund und weich.
Heute bin ich eine Frau, die selbstbestimmt lebt, die Selbstfürsorge betreibt und die auch Stacheln hat. Und die glücklich ist. Heute würde er anrufen, wenn er es nicht zum Essen nach Hause schafft. Aber ich koche nur noch selten. Wir unternehmen lieber was zusammen, machen Sport, fahren weg, reden. Oder haben Sex. Heute bestehe ich auf einen Orgasmus, das war mir früher nicht so wichtig. Verrückt, oder?
Nicht mehr verfügbar, nur noch frei, wild und weise.
Rückblickend: Ich war null vorbereitet und wusste nicht, dass die Zeit der Wechseljahre so beeindruckend und intensiv ist. Ich dachte, Wechseljahre sind Hitzewallungen und das Ausbleiben der Periode. Dass es über 60 Symptome gibt, wusste ich nicht.
Ich wusste auch nicht, dass Gynäkolog:innen in der Facharztausbildung kaum etwas über die Wechseljahre lernen. Sie müssen sich selbst fortbilden – und das aus eigener Tasche zahlen. Ich finde auch, die Wechseljahre sollten „Jahre der Transformation" heißen. Und wenn wir schwitzen, uns nichts mehr gefallen lassen und jeden ankeifen, der uns doof kommt, sollten die Menschen ehrfürchtig sagen: „Schaut, sie transformiert gerade." Und nicht: „Die alte Schachtel muss da jetzt durch.“
Denn aus all diesen schlaflosen Nächten, den Launen, der Hitze – entsteht irgendwann etwas Neues. Heute kann ich mit voller Überzeugung sagen: Ich habe mich zu keinem anderen Zeitpunkt in meinem Leben so schön, so stark, so sexy gefühlt wie jetzt. Diese Erkenntnis ziehe ich nicht aus Bestätigung von außen. Sie kommt nur aus mir heraus. Ich glaube, dass wir mittelalten Frauen der Horror für das Patriarchat sind: nicht mehr fruchtbar verfügbar, nur noch frei, wild und weise.
Die Wechseljahre sind nicht nur doofe Symptome
Wenn mir Frauen heute schreiben, dass ich ihnen die Angst vor den Wechseljahren nehmen konnte, freue ich mich sehr. Für mich ist es die beste Zeit meines Lebens. Klar habe ich noch Symptome und sehe ohne das Östrogen von früher älter aus, aber ich identifiziere mich nicht mit meinen Wechseljahren.Was ich euch gerne sagen möchte: Die Wechseljahre sind nicht nur doofe Symptome. Sie sind der ultimative Moment, Herrscherin über unser eigenes Leben zu werden. Die Zügel (wieder) in die Hand zu nehmen. Liebe, Freude und Leidenschaft in unser Leben zu holen. Selbstbewusst und selbstbestimmt in unsere Kraft zu kommen. Und uns selbst zum Leuchten zu bringen.
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