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Psyche/Seele

Antidepressiva: In der Lebensmitte oft fälschlich verschrieben

Wenn Frauen ab 40 über Traurigkeit, Antriebslosigkeit, Reizbarkeit oder Stimmungsschwankungen klagen, werden oft Antidepressiva verschrieben. Warum das ein Problem ist.

In den Wechseljahren erleben Frauen hormonelle Veränderungen, die sich stark auf die Psyche auswirken können. Dennoch wird, wenn Frauen über depressive Zustände klagen, oft nicht daran gedacht den Hormonstatus zu überprüfen. Manche Frauen werden für lediglich empfindlich, gestresst oder psychisch labil erklärt. Andere wiederum landen bei Psycholog:innen – oder bei Psychiatern, die die Symptome mit Antidepressiva zu  therapieren versuchen.  

Dr. Birthe Furthmann ist tiefenpsychologische Psychotherapeutin und Gynäkologin in Frankfurt und betreut viele Frauen in den Wechseljahren. Sie appelliert an Ärztinnen und Ärzte, Frauen endlich ernst zu nehmen – und differenzierter zu therapieren.  

Wechselweise: Wenn Frauen ab 40 unter Symptomen wie Traurigkeit, Antriebslosigkeit, Angstzuständen, Reizbarkeit oder Stimmungsschwankungen leiden, werden in erster Linie psychische Probleme vermutet. Können Sie diese Beobachtung bestätigen? 

Dr. Furthmann: Ja, ich sehe genau dieses Problem in meiner Praxis. Viele Frauen kommen zu mir, nachdem sie bereits verschiedene Therapien ausprobiert haben – oft mit Antidepressiva, die nicht die gewünschte Wirkung zeigen. Viele Hausärztinnen und -ärzte, aber auch Gynäkolog:innen ziehen ein hormonelles Ungleichgewicht als Auslöser der Beschwerden nicht in Betracht. Patientinnen berichten, dass sie sich mit Symptomen wie Antriebslosigkeit, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen an ihre (Haus-)Ärzte und Ärztinnen wenden und sofort Psychopharmaka empfohlen bekommen. Gerade dann, wenn die Frauen erst Anfang 40 sind, wird häufig nicht an eine perimenopausale Situation gedacht.  

Wechselweise: Woran liegt es, dass der Zusammenhang zwischen Hormonen und psychischen Symptomen oft nicht erkannt wird? 

Dr. Furthmann: Es ist ein sehr komplexes und vielschichtiges Symptombild, und die psychischen Symptome sind dieselben, wie bei anderen Auslösern psychischer Erkrankungen. Die gynäkologische Endokrinologie, wozu auch die Diagnostik und Therapie der Wechseljahresbeschwerden gehört, ist leider in der Facharztausbildung nur gering repräsentiert, was zu einem Mangel an Wissen führt – man sieht nur, was man kennt. Außerdem wenden sich Frauen mit psychischen Symptomen nicht primär in ihre Frauenärzte. Auch andere Symptome der Wechseljahre landen bei Hausärzten oder anderen Fachärzten. Es bräuchte hier mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit der ÄrztInnen und Therapeutinnen verschiedener Fachrichtungen.   

Wechselweise: Viele Frauen hören – auch von Ärtz:innen – sie seien „zu jung“ für Wechseljahrsbeschwerden. Selbst, wenn sie das Thema aktiv ansprechen, werden sie abgewimmelt.  

Dr. Furthmann: Das wird mir auch oft berichtet. Es braucht mehr Bewusstsein, dass der Wechsel nicht erst mit 50 beginnt. Schon ca. 10 Jahre vor der letzten Blutung beginnen die Veränderungen im Hormonstoffwechsel und mit den Schwankungen die Symptome. Hier sind besonders häufig die psychischen Beschwerden zu beobachten.  

Wechselweise: Könnte eine Hormonersatztherapie (HET) bei depressiven Verstimmungen in der Lebensmitte eine bessere Lösung sein? 

Dr. Furthmann: In vielen Fällen ja. Studien wie etwa von der Uni Tübingen oder kürzlich in Nature veröffentlicht, zeigen, dass depressive Symptome, die durch hormonelle Schwankungen entstehen, effektiv behandelt werden können. Das bedeutet nicht, dass jede Frau automatisch Hormone nehmen muss. Aber sie sollten als eine mögliche Behandlungsoption in Betracht gezogen werden, bevor Antidepressiva verordnet werden. Häufig hilft ein multidisziplinärer Ansatz, gegebenenfalls mit einer kombinierten Medikation. Zunehmend wenden sich psychiatrische Kolleginnen an mich, um hier gemeinsam die individuell beste Lösung für die Frauen zu finden.  

Wechselweise: Welche sind die häufigsten psychischen Symptome, auf die Frauen achten sollten? 

Dr. Furthmann: Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit, Schlafprobleme und Gedankenkreisen sind sehr typische Symptome. Es ist bekannt, dass Östrogen eine wichtige Rolle im Neurotransmitter-Haushalt (wie Serotonin und Noradrenalin) des Gehirns spielt. Es ist wichtig, Beschwerden auf den Grund zu gehen um der Frau nachhaltig zu helfen und nicht nur Symptome zu behandeln.   

Wechselweise: Können Antidepressiva und Hormone kombiniert werden? 

Dr. Furthmann: Ja, in bestimmten Fällen kann eine kombinierte Behandlung sinnvoll sein. Aber oft reicht es, die hormonellen Schwankungen auszugleichen, um eine Besserung zu erzielen. 

Wechselweise: Viele Frauen sprechen nicht über ihre Beschwerden, weil sie sich schämen oder glauben, dass sie „damit zurechtkommen" müssen. 

Dr. Furthmann: Das ist ein gesellschaftliches Problem. Frauen wurden lange darauf konditioniert, ihre Beschwerden herunterzuspielen. Zudem gibt es immer noch Ärzte, die den Wechseljahren keine Bedeutung beimessen. Das führt dazu, dass viele Frauen jahrelang leiden, bevor sie die richtige Hilfe bekommen. Schlafstörungen, Erschöpfung und Konzentrationsprobleme können die Arbeitsfähigkeit massiv einschränken. Manchmal so weit, dass Frauen daran denken zu kündigen oder Job zu wechseln. Schon alleine deshalb müssen sich endlich auch Unternehmen diesem Thema mehr öffnen und Frauen in dieser Lebensphase unterstützen.  

Wechselweise: Denken Sie, dass sich die Situation für Frauen in Zukunft verbessern wird? 

Dr. Furthmann: Ja, ich sehe bereits einen zarten positiven Wandel. Die öffentliche Diskussion über Wechseljahre nimmt zu, unterstützt durch soziale Medien, Aufklärungsportale und engagierte Ärzte und Ärztinnen. Es ist entscheidend, dass Frauen informiert sind und sich nicht abwimmeln lassen. Jede Frau sollte wissen: Sie ist nicht allein, und es gibt Hilfe! 

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